«Selbstbestimmtes Wohnen heisst mehr, als einen eigenen Ort zum Schlafen zu haben.»

28.11.2017 , Valida Zeitung

Die UNO-Behindertenrechtskonvention hält unter anderem das Recht auf selbstbestimmtes Wohnen fest. Doch was bedeutet das für die von der Valida betreuten Personen im konkreten Fall. Wie steht es um die Gratwanderung zwischen Selbstbestimmung und Betreuung? Miriam Meuth, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Soziale Räume des Institutes für Soziale Arbeit der FHS St.Gallen und Beda Meier, Direktor der Valida, im Gespräch über das Wohnen und dessen Bedeutung für Menschen mit Behinderungen.

Beda Meier

Wir haben vor bald drei Jahren unser Wohnangebot individualisiert. Davor lebten die von uns betreuten Menschen mit Unterstützungsbedarf mehrheitlich im Wohnheim, waren 365 Tage im Jahr während 24 Stunden betreut und damit auch unter Kontrolle. Unser neues Angebot orientiert sich am Grundsatz «So viel Begleitung wie nötig, so wenig wie möglich». Es reicht vom rund um die Uhr begleiteten Wohnen bis zum dezentralen, selbstbestimmten Wohnen in den eigenen vier Wänden im Quartier Lachen. Was uns aufgefallen ist: Die Personen, die die Möglichkeit zum dezentralen Wohnen nutzen, haben sich verändert. Sie sind selbständiger und vor allem selbstbewusster geworden. Erstaunt Sie das?

Miriam Meuth

Nein, überhaupt nicht – im Gegenteil. Es geht den von Ihnen betreuten Menschen gleich wie allen anderen Menschen auch: Jeder Umzug bringt Veränderungen mit sich, denn das Setting ändert sich. Da ist einmal der neue Ort, an den man sich gewöhnen muss. Man ist Teil neuer Räume, die man zuerst mit Leben füllen, sozusagen «beleben» und sich aneignen muss. Im Fall von Menschen, die aus einem betreuten Wohnheim in eine Wohnung ziehen, in der sie alleine oder in einer kleinen WG leben, ändert sich noch viel mehr. Sie werden nicht mehr rund um die Uhr betreut – das heisst, sie werden weder unterstützt noch kontrolliert.

Beda Meier

Woran denken Sie?

Miriam Meuth

Plötzlich geht es um neue Fragen: Wie möchte ich denn wohnen, fühle ich mich hier wohl, wie möchte ich die Wohnung einrichten? Zudem müssen sie sich selbst um den Haushalt kümmern, um ihren Alltag, zu dem auch die Fragen nach Freizeit und sozialen Kontakten gehören. Diese Veränderung kann unterschiedlich erlebt werden, zwischen dem Gefühl der Überforderung und der Freude an der Selbstbestimmung ist da alles möglich.

Beda Meier

Das hängt dann aber doch stark vom Grad der Betreuung ab. Wir lassen unsere Bewohnerinnen und Bewohner ja beim Wohnen im Quartier nicht einfach allein.

Miriam Meuth

Ja sicher. Die betreuenden Personen sind ja auch ein Teil des neuen Wohn-Raums. Sie nehmen mit ihrer Betreuungstätigkeit direkten Einfluss auf die Wohnsituation. Das beginnt bei der Auswahl der Wohnung und bei ihrer Einrichtung. Allein durch die Begleitung dabei ist die Valida präsent. Das dezentrale Wohnen ist ein erster Schritt auf dem Weg vom Wohnen im Wohnheim zum selbstbestimmten Wohnen ausserhalb der Valida.

Beda Meier

Wie würden Sie selbstbestimmtes Wohnen definieren?

Miriam Meuth

Wohnen hat verschiedene Dimensionen und vollzieht sich in deren Zusammenspiel. Da ist einmal die physisch-materielle Dimension des Wohnens. Darunter fasse ich beispielsweise die Grösse der Wohnung, den Grundriss, das Material und auch die Ausgestaltung. Dann gibt es die sozialstrukturelle Dimension, also beispielsweise die anderen Bewohnerinnen und Bewohner, die Arbeitsteilung oder auch die rechtliche Regelung des Wohnverhältnisses. Man kann sich dem Wohnen auch von der Handlungsdimension her nähern: Das Haushalten, die Alltagstätigkeiten, das gemeinsame Wohnen.

Des Weiteren ist die emotional-kognitive Dimension wichtig, also die eigenen Gefühle, die Erfahrungen, Vorstellungen und Gedanken, die möglicherweise in der Wohnung der Valida auch das Gefühl von Zuhause entstehen lassen. Schliesslich ist Wohnen immer auch von gesellschaftlichen Bildern und Normen geprägt und deshalb nie völlig individuell oder selbst bestimmbar. Hinzu kommt ein angespannter Wohnungsmarkt, der auch einschränkt. Selbstbestimmtes Wohnen könnte vor diesem Hintergrund eines sein, das den Bewohnerinnen und Bewohnern der Valida Wahlfreiheit, Eigenverantwortung oder auch Aneignungsmöglichkeiten eröffnet, die subjektiv sinnstiftend sind.

Beda Meier

Das heisst also, dass für jeden Menschen «das Wohnen» individuell zu gestalten und zu bestimmen ist?

Miriam Meuth

Ja genau, aber immer vor dem Hintergrund von bestehenden sozialen und ökonomischen Ressourcen, von Strukturen oder auch von dominierenden Normen des Wohnens. Das gilt für Menschen mit und ohne Betreuungsbedarf.

Für Personen, die im Kontext des betreuten Wohnens leben, ergeben sich darüber hinaus weitere Bedingungen, die das Wohnen rahmen. Zu verhandeln sind dann etwa der Grad der Selbstbestimmung bei der Wahl der Wohnung und bei ihrer Einrichtung. Oder die Frage nach dem Verhältnis von Miet- und Betreuungsvertrag, in welchem die Organisationen und die Betreuenden in einer mächtigeren Position sind als die Menschen, die betreut werden.

Beda Meier

Was ist dann nach Ihrer Meinung für die Qualität des Wohnens von Menschen mit Beeinträchtigungen ausschlaggebend?

Miriam Meuth

Ich denke, dass das etwas sehr Subjektives ist, das im Einzelfall erfragt, erarbeitet und ausgehandelt werden muss. Mitentscheidend für die Qualität sind sicher eine adäquate physisch-materielle Grundlage des Wohnens, der Zugang zu Infrastruktur und zur Nachbarschaft, aber auch, dass die Menschen ihre Wohnung oder ihr Zimmer aneignen und gestalten können, wie sie es möchten. Für Menschen mit Beeinträchtigung ist dann sicher besonders wichtig, dass sie darin unterstützt werden, ihre Bedürfnisse zu äussern und diese im Wohnen umzusetzen und dass sie dazu befähigt werden, eigene Bedürfnisse überhaupt erst einmal zu erfühlen und zu benennen.

Im Kontext des betreuten Wohnens ist für die Qualität des Wohnens auch entscheidend, dass die Privatsphäre geschützt wird, also zum Beispiel das eigene Zimmer oder die eigene Wohneinheit. Die Selbstbestimmung über einen eigenen Ort, einen eigenen Raum ist zentral. Bildhaft gesprochen: Die Möglichkeit, den Riegel vorzuschieben, den Zugang zum Zimmer für andere beschränken zu können.

Beda Meier

Wir respektieren die Privatsphäre unserer Kundinnen und Kunden. Alle haben ihren eigenen Schlüssel für die Wohnung und für ihr Zimmer. Für unsere Betreuerinnen und Betreuer gibt es klare Abmachungen für den Zutritt zu den Wohnungen. Ausnahmen sind nur in Krisenfällen möglich.

Miriam Meuth

Und wer hat die Deutungshoheit? Wer definiert den Notfall? Wenn jemand betrunken im Zimmer auf dem Boden liegt, ist das schon ein Notfall? Wann ist das Eindringen in die Privatsphäre statthaft?

Beda Meier

Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Selbst bei gröberen Problemen sind wir zurückhaltend. Aber grundsätzlich tragen wir die Verantwortung für die Menschen, die durch uns begleitet werden.

Miriam Meuth

Privatheit respektieren und Verantwortung tragen, das ist ein klassisches Dilemma professionellen Handelns am Ort des Wohnens. Die Privatsphäre wirklich zu achten, kann sehr herausfordernd und ambivalent für die betreuenden Personen sein. Sie müssen damit umgehen, dass es verschiedene Meinungen darüber gibt, was ein Notfall ist und wer die Definitionsmacht hat. Und sie müssen sich auch im Klaren sein, dass an Ihre Verantwortung nicht nur der Schutzauftrag gekoppelt ist, sondern auch Macht und Kontrolle damit einhergehen.

Beda Meier

Ja, das stimmt. Das verlangt einen sehr bewussten Umgang mit der Rolle als betreuende Person. Es braucht klare Abmachungen. So schliesst die Valida mit den Betreuten zusätzlich zum Pensionsvertrag einen Betreuungsvertrag ab, der den Rahmen und den Umfang der Betreuung ausserhalb des Arbeitsplatzes regelt.

Miriam Meuth

Wichtig wäre mir in jedem Fall, dass die Wohnrechte der Personen – Mietrechte haben sie ja nicht, da die Wohnungen von der Valida gemietet werden – nicht durch den Betreuungsvertrag eingeschränkt werden: Es sollte also nicht automatisch zur Kündigung der Wohnung kommen, wenn die Menschen bestimmte Vereinbarungen im Betreuungsverhältnis nicht einhalten. Das wäre wieder sehr weit weg von der Idee des selbstbestimmten Wohnens.

Beda Meier

Was wäre Ihr kurzes Fazit zum Schluss?

Miriam Meuth

Auf eine kurze Formel reduziert? Es ist wichtig und notwendig, dass die Wohnsituation für die von der Valida betreuten Menschen «stimmt». Und sie ist eher stimmig, wenn sie ihre eigenen Wohnsituationen im Detail selbst gestalten, also nicht nur mitgestalten können. Das ist die Voraussetzung, dass Wohnungen und Zimmer auch zu einem Zuhause werden können.

Beda Meier

Ich danke ihnen für das Gespräch.