«Mitarbeitende mit Beeinträch­tigungen sollen mit­wirken und auch entscheiden können.»

29.06.2017 , Valida Zeitung

Was steht bei der Arbeit in den Produktions- und Dienstleistungsbetrieben der Valida im Mittelpunkt? Die berufliche und soziale Integration der Menschen mit einer Beeinträchtigung oder die Qualitätsanforderungen der Kunden? Die klare Antwort: beides! Dr. Daniel Oberholzer, Professor an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Olten und spezialisiert auf die Arbeit mit Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen und Behinderungen, und Beda Meier, Direktor der Valida, im Gespräch über die Handlungsspielräume und die Gestaltung der beruflichen Teilhabe.

Beda Meier

Valida, das soziale Unternehmen, oder Valida, ein Unternehmen der beruflichen und sozialen Integration. Was würden sie sich darunter vorstellen?

Daniel Oberholzer

Der Begriff ‹Unternehmen› sagt noch nicht so viel. Es stellt sich die Frage, ob sich die Valida als Institution und blosser Produktionsbetrieb versteht oder als eine Organisation, die berufliche Teilhabe ermöglicht. Eine Organisation ist ein Entscheidungssystem, das Ziele hat, Wirkungen erzielen will und entsprechende Entscheidungen trifft, um diese Ziele zu erreichen. Ein Unternehmen ist etwas dazwischen. Der Begriff «soziales Unternehmen» sagt für sich noch nichts.

Beda Meier

Wie würden sie den Begriff füllen?

Daniel Oberholzer

Dazu müssen wir klären, welche Ziele die Valida hat und was sie bewirken will. Wir müssen klären, was hinter dem Versprechen «sozial» steht.

Beda Meier

Wir meinen damit, dass die Valida Menschen mit einer Beeinträchtigung berufliche und soziale Integration ermöglicht.

Daniel Oberholzer

Auch Integration ist für mich ein sehr offener Begriff. Ich spreche lieber von Teilhabe. Teilhabe besteht aus einem lokalen, einem sozialen und einem funktionalen Teil. Die Schreinerei zum Beispiel ist ein Ort, wo lokale Teilhabe stattfindet. Sie ist ein Ort der Teilhabe. Jetzt kommt dazu, was in der Schreinerei produziert wird, wie gearbeitet wird und mit welchem Ziel, welche Aufgaben Menschen mit einer Beeinträchtigung übernehmen und wie die Zusammenarbeit ist. Das sind die Aspekte der funktionalen und sozialen Teilhabe. Sie sind für die Teilhabe besonders wichtig.

Beda Meier

Qualitativ besonders wichtig?

Daniel Oberholzer

Genau. Die Schreinerei bietet einen Ort der Teilhabe für Menschen, die an anderen Orten keine Chance zur Teilhabe bekommen. Dafür braucht es qualitativ hochwertige Arbeitsplätze sowie eine gute Qualität in der Zusammenarbeit und in der Mitwirkung.

Beda Meier

Ohne Mitwirkung keine Teilhabe?

Daniel Oberholzer

Bei der Teilhabe hat die Mitwirkung eine grosse Bedeutung. Das sagt auch die UN-Behindertenrechtskonvention. Es geht also nicht einfach um einen geregelten Tagesablauf. Mitarbeitende mit Beeinträchtigungen sollen mitwirken und mitentscheiden. Sie sollen Mitverantwortung übernehmen. Das zeigt sich auch in den Funktionen in der Werkstatt. Mitarbeitende können Schlüsselfunktionen übernehmen und sich in verschiedenen beruflichen Rollen erleben.

Beda Meier

Dafür braucht es aber Arbeit und Auf­träge.

Daniel Oberholzer

Selbstverständlich. Jede Werkstatt braucht Aufträge. Ohne Arbeit gibt es keine berufliche Teilhabe. Die Frage ist, wie sie mit den qualitativen Anforderungen an die Arbeit und den qua­litativen Anforderungen an die ge­lingende Teilhabe umgeht. Arbeit ist nicht einfach Arbeit um der Arbeit willen. Sie ermöglicht Kompetenzerleben und Kompetenzentwicklung. Sie schafft Bedeutungen und stiftet Sinn.

Beda Meier

Das ist auch unser Selbstverständnis. Wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden beteiligt sind an der Herstellung von Produkten und Dienstleistungen, welche auf dem Markt auch tatsächlich Abnehmer finden.

Daniel Oberholzer

Beteiligung ist ein zentraler Begriff der Teilhabe. Allerdings ermöglicht nicht jeder Auftrag die gleiche Qualität der Beteiligung. Die Anforderungen an die Produktion und an die Qualität der Produkte haben zuweilen negative Auswirkungen auf die Qualitäten der Teilhabe.

Beda Meier

Und wenn man trotzdem beides will?

Daniel Oberholzer

Das ist nicht immer zu 100 Prozent möglich. Hier braucht es Entscheidungen. Es müssen Lösungen und Wege gesucht werden. Der sozialen Organisation muss entsprechend sehr genau bewusst sein, was sie will und welche Qualitätsversprechen sie bezüglich der Produktion und welche bezüglich der Teilhabe macht.

Beda Meier

Trotzdem: die Anliegen der Teilhabe scheinen oft im Widerspruch zu den Qualitätsanforderungen an die Produkte und Dienstleistungen zu stehen.

Daniel Oberholzer

Das scheint nur auf den ersten Blick so. Agogische Arbeit unterstützt das Gelingen der beruflichen Teilhabe. Das Mittel zur Teilhabe ist die bestehende Arbeit. Widersprüche von Produktions- und Teilhabequalität gehören dazu. Die Arbeit daran, gleichzeitig die Produktions- und die Teilhabequalität zu optimieren, ist genau der Mehrwert einer sozialen Organisation.

Beda Meier

Ein Sowohl-als-auch?

Daniel Oberholzer

Die Valida als soziale Organisation hat gar keine andere Wahl. Ohne Arbeit ist keine sinnstiftende Teilhabe möglich. Genügend Arbeit ist aber nur vor­handen, wenn sich die Valida an den Bedürfnissen des Marktes orientiert. Wichtig ist, mögliche Spielräume zu erkennen und auszuhandeln.

Beda Meier

Wir haben auf dem Markt aber die gleichen Bedingungen wie alle anderen auch: Qualität, Preis, Termin.

Daniel Oberholzer

Die Zusammenarbeit mit den externen Kunden ist deshalb zentral. Es ist wichtig, die Kunden gut zu kennen. Ebenso ist es wichtig, dass die Kunden die Valida gut kennen und verstehen und dass sie wissen, was die Organisation bezüglich Teilhabe erreichen will und welche Rahmenbedingungen sie hierbei unterstützen. Ein gegenseitiges Verstehen eröffnet Spielräume. Ich weiss, dass die Situation nicht einfach ist - aber versuchen muss man es allemal.

Beda Meier

Was wären denn gute Rahmenbedingungen für die Teilhabe von Mitarbeitenden mit Beeinträchtigungen?

Daniel Oberholzer

Ein wichtiger Faktor für Teilhabequalitäten ist der Zeit- und Qualitätsdruck auf Seiten der Produktion. Spielräume hier ergeben Spielräume auf Seiten der Teilhabe. Ein anderer wichtiger Faktor betrifft die Durchlässigkeit in den Werkstattangeboten. Je durchlässiger das Angebot, desto grösser sind die Mitwirkungsmöglichkeiten. Je mehr die Mitarbeitenden mitentscheiden können, wo und wie sie ihre berufliche Teilhabe realisieren wollen, desto vielfältiger kann Teilhabe sein. Durchlässigkeit betrifft aber auch die Funktionen und sozialen Rollen. Nur durch sie können Mitarbeitende neue Kompetenzen entwickeln.

Beda Meier

Mitentscheiden können erfordert aber auch Eigenverantwortung.

Daniel Oberholzer

Eigenverantwortung ist eine weitere zentrale Qualität der Teilhabe. Eigenverantwortung muss wachsen können. Gefordert sind hier die Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter, die sehen müssen, welche Aufgaben und Verantwortungsfelder sie wem übergeben können. Das geht Schritt für Schritt.

Beda Meier

Und das heisst?

Daniel Oberholzer

Nehmen wir als Beispiel die Arbeitssicherheit. Geben Sie einem der Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung den Auftrag, darauf zu achten, dass immer alle den Gehörschutz und die Schutzbrille tragen oder dass die Transportwege nicht verstellt werden. Sie können ihm auch die Aufgabe übertragen, den 1. Hilfe-Kasten in Ordnung zu halten. Sie werden staunen, wie genau der Mitarbeiter diese Aufgabe erfüllen wird. Wahrscheinlich sogar besser als der Gruppenleiter selbst. Das Resultat: Nicht nur die Arbeits­sicherheit ist besser und der 1. Hilfe-Kasten immer tipp-top, sondern auch die Teilhabe des Beauftragten. Er oder sie hat eine wichtige Auf­gabe und erfüllt eine wichtige Funktion. Oder sie lassen das Reinigungsteam selber entscheiden, welche Räume aktuell welchen Reinigungsbedarf haben, statt sie mit gleichbleibenden Checklisten zu steuern.

Beda Meier

Wo sehen sie die Grenzen?

Daniel Oberholzer

Wir übergeben Verantwortung für eine kompetente und vielfältige Teilhabe – und zwar so, dass jede Aufgabe auch eine Teilhabemöglichkeit ist. Die fachliche Verantwortung bleibt bei bestimmten Themen natürlich beim Gruppenleiter. Ausserdem muss die Übergabe von Verantwortung verantwortungsvoll geschehen.