«Freie Zeit als Weg in die Normalwelt.»

06.11.2018 , Valida Zeitung

Wie weit sollen die Betreuerinnen und Betreuer der Valida auf die Gestaltung der Freizeit der begleiteten Personen Einfluss nehmen? Welche Freiheiten soll man ihnen dabei lassen? Wo zwingt die Verantwortung zum Eingreifen? Professor Stefan Ribler und Beda Meier, Direktor des sozialen Unternehmens Valida, im Gespräch über die Gestaltung der freien Zeit von Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Beda Meier

Jeder Mensch benötigt neben der Arbeit auch Freizeit, um glücklich zu sein. Stimmt das?

Stefan Ribler

So absolut für mich nicht. Würde ja heissen, dass ohne Freizeit kein Glücklichsein möglich ist. Mir ist egal, wo ich glücklich bin, ob bei der Arbeit oder in der Freizeit mit Familie und Freunden. Ich bin – vielleicht zum Leidwesen meines privaten Umfeldes – jemand, der auch bei der Arbeit glücklich und zufrieden sein kann.

Beda Meier

Fremdbestimmt und trotzdem glücklich? Als Dozent sind Sie doch sehr stark von Terminen abhängig.

Stefan Ribler

Natürlich besteht eine gewisse Abhängigkeit. Doch darf man das nicht zu eng sehen. Die Abhängigkeit besteht ja hauptsächlich darin, dass ich während Terminen auf ein Thema fixiert bin und zeitgleich nichts anderes möglich ist. Wenn es mir gelingt, am gerade stattfindenden Termin Freude und Leidenschaft zu haben, ist das Problem gelöst. Ich habe dann in dieser Zeit keine Sehnsucht nach anderem. Es ist auch eine Frage der Einstellung.

Beda Meier

Damit befinden Sie sich in einer Luxussituation.

Stefan Ribler

Ja, das stimmt. Ich bin in meiner Arbeit sicher sehr privilegiert.

Beda Meier

Aber Zwänge gehören doch zu unserem Leben.

Stefan Ribler

Ja, selbst in der Freizeit gilt es, unangenehme Aufgaben zu erledigen.

Beda Meier

Ist das dann noch Freizeit?

Stefan Ribler

Da gilt es zwischen Freizeit und freier Zeit zu unterscheiden. Freizeit ist die Zeit, in der ich nicht für meinen Arbeitgeber tätig bin. In meiner Freizeit muss ich aber doch viele Dinge erledigen, die ich nicht frei wähle. So muss ich einkaufen, administrative Dinge und den Haushalt erledigen, usw. Was dann noch bleibt, ist die freie Zeit, über die ich frei verfügen kann. Die freie Zeit ist für Tätigkeiten – oder eben auch Nicht-Tätigkeiten – da, für die ich niemandem Rechenschaft schuldig bin; ausser vielleicht meinem Gewissen.

Beda Meier

Was bedeutet das für die Begleitung von Menschen mit Unterstützungsbedarf?

Stefan Ribler

Das verlangt in erster Linie die Fähigkeit zum Loslassen. Solange wir unsere Klientinnen und Klienten auch in der Nicht-Arbeitszeit betreuen, haben diese wohl Freizeit, aber keine freie Zeit. Solange wir ihre Freizeit mitgestalten, bestimmen wir über sie. Wir müssen bereit sein, allen Menschen – ob mit oder ohne Beeinträchtigung - die selbständige Gestaltung von freier Zeit zu gewähren, Zeit, die sie nach eigenem Gusto nutzen können. Wir haben auch nicht darüber zu urteilen, ob ihre Art, die freie Zeit zu verbringen, «sinn-voll» oder «sinn-los» ist.

Beda Meier

Das sehe ich auch so. Für die Valida würde das heissen, den Begriff freie Zeit neu zu definieren. Das wäre dann für die begleiteten Personen die «nicht pädagogisierte» Zeit.

Stefan Ribler

Ja, oder radikaler: die von der Pädagogik befreite Zeit.

Beda Meier

Verlieren wir damit nicht teilweise die Kontrolle über die begleiteten Personen?

Stefan Ribler

Ja, das ist die unmittelbare Folge. Damit ist auch ein gewisses Risiko verbunden. Dieses Risiko können wir aber minimieren, in dem wir Loslassen nicht einfach mit Wegschauen verwechseln. Statt die Bertreuten einfach sich selbst zu überlassen, ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie ihre freie Zeit auch wahrnehmen und geniessen können. Das heisst, wir müssen uns mir ihren Wünschen und ihrem Willen auseinander setzen und ihnen helfen, diese zu erfüllen – ohne gleich wieder zu kontrollieren. Und auch nicht zu werten.

Beda Meier

Loslassen als agogisches Konzept?

Stefan Ribler

Ja, genau. Es muss uns gelingen, dass das Leben der von uns betreuten Menschen mit Behinderung ausserhalb der organisierten Strukturen in die Normalität zurückfindet. Wir müssen ihnen ermöglichen, ihre freie Zeit in einem normalisierten Kontext zu verbringen. Wir müssen unsere Kontrollen zurückfahren. Das ist die Voraussetzung für die Integration/Inklusion in die Welt.

Beda Meier

Ist die «Normalwelt» darauf vorbereitet?

Stefan Ribler

Nein, noch nicht. Damit das dereinst so sein wird, müssen wir fallweise vorgehen. Zuerst müssen wir die Situation des Individuums anschauen und dort die Ressourcen für die Integration/Inklusion kennen und stärken. Dann geht es auch darum, das weitere Umfeld, also das Quartier oder die Gemeinde, darauf vorzubereiten. Und schliesslich können das Umfeld, die Nachbarschaft beispielsweise, und die Person zusammengeführt werden. Das ist herausfordernde Alltags- und Konzeptarbeit, die in folgenden drei Segmenten erfolgen kann: fallspezifisch (Arbeit mit dem Individuum und seinen Ressourcen), fallübergreifend (Arbeit mit der Fachorganisation und den Hilfssystemen) und fallunspezifisch (Fokus auf gesellschaftliche und politische Dynamiken im Kontext) in der Zusammenführung.

Beda Meier

Das heisst, dass die Schritte der Integration von Menschen mit Behinderungen individuell erfolgen müssen. Das es nur Sonderlösungen gibt.

Stefan Ribler

Ja, Pauschallösungen taugen nichts. Jeder «Fall» von Mensch verlangt nach anderen Lösungen. Und diese Lösungen sind immer auch in Bezug auf das inkludierende Umfeld zu adaptieren.

Beda Meier

Gleichzeitig Kontrolle abgeben und sich von Pauschallösungen verabschieden: das sind hohe Anforderungen an die Fachpersonen der Begleitung und Betreuung.

Stefan Ribler

Ja, und Sie als deren Chef müssen das für ihre Mitarbeitenden möglich machen, indem Sie beides - Loslassen und individuelle Lösungen - zulassen, ermöglichen oder wenn nötig auch einfordern. Das bedingt nämlich auch die Abkehr von strikten Abläufen. Verlangt ist vielmehr eine Betreuung in «freier Führung».

Beda Meier

Wie könnte sich das beim Wohnen mit Assistenz zeigen?

Stefan Ribler

Indem zum Beispiel die Zahl der Besuche stark reduziert wird. Bestehende Modelle gehen von bis zu vier Besuchen pro Woche aus. Ich bin jedoch der Meinung, dass das sehr individuell und entlang den vorhandenen Ressourcen gelöst werden muss. Es kann sein, dass ein Besuch pro Monat reicht. Oder es aber eben eine intensivere und dem jeweiligen Menschen mit Behinderung entsprechende Betreuungsform nötig ist.

Beda Meier

Wie reagieren Klientinnen und Klienten auf die «freie Führung»?

Stefan Ribler

Wenn sie die «freie Führung» erleben, kennenlernen und sie auch lernen zu nutzen, reagieren sie befreit. Sie erleben ihre freie Zeit als grossen persönlichen Gewinn. Niemand sagt ihnen, was sie machen oder nicht machen sollen. Diese Freiheit von der pädagogischen Kontrolle ist notwendig, damit sie sich als Individuum, als autonome Person erfahren können. Sicher gilt es hier auch, die Balance zwischen Forderung und Überforderung zu finden.

Beda Meier

Und wann entscheiden sie sich gegen die Freiheit und für die Führung und greifen ein? Wo ist die Schwelle für Interventionen?

Stefan Ribler

Ich mag diese Menschen, deshalb arbeite ich leidenschaftlich gern an der FH und im Betula. Bei aller Freiheit, Selbstbestimmtheit und allen inklusiven Ansätzen, bleiben wir bis zu einem gewissen Grad für die von uns betreuten Menschen verantwortlich. Es gehört deshalb auch zu unseren Aufgaben, Grenzen zu setzen, wo es notwendig ist – zum Schutz der Betreuten und zum Schutz der Umgebung. Aber auch das Intervenieren erfolgt individuell.

Beda Meier

Wenn sich zum Beispiel ein Klient in seiner freien Zeit regelmässig betrinkt? Was machen Sie?

Stefan Ribler

Dann versuchen wir zuerst herauszufinden, welchem Verhaltensmuster die Person folgt und ob es Sequenzen und Ausnahmen gibt, in welchen die Person nicht trinkt. Wenn wir ihre Motivatoren und ihren Willen im Umgang mit den Anforderungen kennen, ergeben sich innere Lösungsansätze. Erst dann kann sie mit uns einen zielführenden Weg und Angebote suchen und entwickeln, wie sie mit der Sucht und den Auswirkungen umgehen kann und will. Ich habe vorhin die drei Segmente der Fallarbeit erwähnt. Auch hier ist es sinnvoll, diese Dimensionen mitzudenken und Menschen aus der Umgebung des Klienten miteinzubeziehen.

Beda Meier

Die Gratwanderung zwischen Freiheit und Führung, wann interveniert werden soll, bleibt.

Stefan Ribler

Ja, auf jeden Fall. Gregory Bateson bringt es auf den Punkt: «Man kann das Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken zwingen. Aber selbst wenn das Pferd durstig ist, kann es nicht trinken, solange Sie es nicht zum Wasser führen.» (Gregory Bateson, Geist und Natur, Suhrkamp 1982). Wir können und müssen den Menschen die grösstmögliche Unterstützung und ihnen zugewandte Rahmenbedingungen anbieten. Aber annehmen und nutzen müssen sie diese selbst.

Beda Meier

Es kann auch frustrierend sein, wenn die Angebote dann einfach nicht genutzt werden.

Stefan Ribler

Solche Frustrationen gehören zu unserem Beruf. Und dann könnte man auch eine andere Strategie wählen und zum Beispiel aus der Bring- eine Holschuld machen.

Beda Meier

Wie das? Wenn wir nochmals auf die Gestaltung der freien Zeit zurückkommen?

Stefan Ribler

Indem man die Klienten mehr und konkreter fragt, was sie beispielsweise in ihrer freien Zeit, etwa in den Bereichen Sport Kultur, genau wollen. Und vor allem fragt, was sie bereit sind, dafür zu tun. Dann wird es ihnen stärker möglich sein, dass sie sich in der «normalen» Umwelt zurecht und ihren Platz finden.

Beda Meier

Freie Zeit als Weg in die «Normalwelt»?

Stefan Ribler

Genau, weil es nur so gelingt, für unsere Klienten den Weg aus den Kokons unserer Einrichtungen in ein normales Umfeld zu ebnen. Die Gesellschaft hat Menschen mit Behinderungen über viele Jahrzehnte einfach aussortiert. Es ist an der Zeit, dass sie wieder Teil der Öffentlichkeit werden – zum Beispiel in Vereinen. Sie müssen sich mindestens in ihrer freien Zeit ihren Platz in unserer Gesellschaft zurückerobern. Und die Valida hat in diesem Veränderungsprozess eine wichtige Rolle als Wegbereiterin.